Im Interview

Tears for Fears: Die Pop-Alchemisten

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(Bild: Chapman Baehler)

Curt Smith und Roland Orzabal stehen für eine 43-jährige Karriere mit sieben Alben, 30 Millionen verkauften Tonträgern und einem Dutzend Hits, die wirklich jeder kennt. Noch wichtiger ist dem Duo aus dem britischen Bath allerdings, dass es geschafft hat, wovon viele Kollegen nur träumen: Sie sind kein Relikt der 80er, sondern immer noch auf der Höhe der Zeit und äußerst kreativ. Davon zeugt ihr neues Live-Album ‚Songs For A Nervous Planet’, das – als Bonus – vier neue Studio-Tracks birgt.

Aufgenommen wurde das Werk im malerischen Amphitheater von Franklin, Tennessee – während einer der letzten Stationen der US-Tournee 2022/2023. Laut Gitarrist/Sänger Roland eine der besten Shows, die Tears For Fears je gespielt hat. Das Programm: Kostproben aus dem Comeback-Album ‚The Tipping Point’ von 2022, an dem die beiden stolze 17 Jahre gebastelt haben, kombiniert mit Welthits wie ‚Shout’, ‚Mad World’, ‚Sowing The Seeds Of Love’ oder ‚Everybody Wants To Rule The World’.

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Roland, warum hat es 40 Jahre gedauert, um das erste offizielle Live-Album der Bandgeschichte zu veröffentlichen?

(lacht) Ich finde, wir haben schon länger einen ziemlich guten Live-Sound. Und das ist Curt und mir auf der letzten Tour einmal mehr bewusst geworden. Deshalb entschieden wir uns für den Konzertmitschnitt – weil wir glauben, dass unsere Band, unser Zusammenspiel und unser Gesang besser denn je sind.

Wir fanden es wichtig, das auf einem Album festzuhalten – als Dokument einer wirklich starken Performance. Leider hat es ewig gedauert, um die Plattenfirma davon zu überzeugen. Sie wollte nicht nur ein weiteres „Greatest Hits”-Album – was es ja irgendwie ist –, sondern noch eine Art Bonus, um das Ganze aufzuwerten.

Also sind wir Anfang 2024 ins Studio, um einen neuen Song aufzunehmen. Doch was ist passiert? Wir erlebten einen kreativen Schub und es sind gleich vier geworden, die uns richtig gut gefallen haben. Jetzt ist es eine 4-Track-EP mit 18 Live-Bonus-Stücken. Ich denke, so etwas hat es wirklich noch nicht gegeben. (lacht)

Wenn ihr plötzlich so produktiv seid: Wird das nächste Studio-Album dann deutlich schneller von statten gehen als der Vorgänger ‚The Tipping Point’, an dem ihr 17 Jahre gebastelt habt?

Das ist einer der Gründe, warum wir gleich vier neue Stücke veröffentlichen: Wir wollten zeigen, dass wir das schneller hinbekommen – wenn wir nur wollen. Und momentan haben wir einen Lauf. Wir haben viele Songideen und es wird garantiert nicht wieder so lange dauern, wie beim letzten Mal.

Da ist ja alles schiefgelaufen – mit dem Tod meiner ersten Frau, aber auch dem Wechsel von Label, Management und Produzenten. Eine heftige Zeit. Hinzu kommt, dass wir beide zwei launische, alte Bastarde sind, die so lange rummeckern, bis alles stimmt – und egal, wie lange es dauert. Das ist ein weiteres Problem. (lacht)

Euer Klassiker ‚Seeds Of Love’ zählt nicht umsonst zu den teuersten Werken der 80er…

Im Vergleich zu den Mini-Budgets, die heutzutage für Albumproduktionen veranschlagt werden, war das ziemlicher Wahnsinn. Ich meine, inzwischen macht man alles per Laptop – damals hat man Millionen nur fürs Studio ausgegeben. Und wir haben ewig an ‚Seeds Of Love’ herumgebastelt. Wir haben uns da extrem schwergetan, weil wir anfänglich nicht genug starkes Songmaterial hatten – bis wir kurz vor Ende der Aufnahmen mit ‚Woman In Chains’ und ‚Sowing The Seeds Of Love’ aufwarten konnten. Das waren die letzten Songs, die wir dafür geschrieben haben.

Bei ‚Woman In Chains’ war es offensichtlich, dass es ein Duett sein musste. Wir dachten: „Wie wäre es mit der Frau, die wir vor Jahren in einer Hotelbar in Kansas gehört haben?” Doch die Plattenfirma meinte: „Wovon redet ihr? Wir könnten auch Whitney Houston engagieren!” Und das wäre wirklich fett gewesen.

Das klingt nach Größenwahn…

(lacht) Wahrscheinlich wäre der Song dann nie fertig geworden. Überhaupt wäre weniger im Nachhinein vielleicht doch mehr gewesen. Genau deshalb ist der Remix von Steven Wilson, den er vor ein paar Jahren angefertigt hat, so umwerfend: Er hat da all den Hall rausgenommen, der völlig überflüssig war, und wodurch das Album gleich viel besser klingt.

Für mich war ‚Seeds Of Love’ komplett überproduziert und der Sound oft zu vollgestopft. Nach dem Motto: „Wie viele Gitarren-Spuren wollt ihr?” Oder: „Vielleicht noch ein Händeklatschen hier und da?” Dabei hätten 10 Prozent weniger einen immensen Unterschied gemacht. Nur: So war das damals. Wir haben tatsächlich gedacht, das wäre der einzig mögliche Ansatz.

Wobei ihr jahrelang als reine Synthie-Pop-Band wahrgenommen wurdet – trotz der vielen Gitarrenparts. Ein Missverständnis?

Das würde ich so unterschreiben. Und zwar allein deshalb, weil wir viel musikalischer waren als die meisten Synthie-Bands. Wir haben mehr als nur eine Note auf dem Keyboard gespielt – im Gegensatz zu OMD, Depeche Mode, Human League und wie sie alle hießen. Verglichen mit ihnen waren wir sogar fast eine Progrock-Band, was zu der Zeit nicht sonderlich hip war.

Das meinst du nicht ernst?

Doch – ‚Mad World’ halte ich zum Beispiel für sehr proggy; nur versteckt unter einer Menge verrückter Synthesizer-Schichten. Wie komplex er auch ohne war, hat sich erst viel später gezeigt, als ihn jemand ohne die inzwischen völlig veraltete Technik gesungen hat. Da wurde klar, dass er mehr als nur ein netter Pop-Song war – er hatte Tiefe und da waren viele kompositorische Bewegungen im Spiel.

(Bild: Chapman Baehler)

Wann hast du mit der Gitarre angefangen bzw. wer waren deine Vorbilder und Helden?

Mit 13 oder 14. Ich bin in Bath aufgewachsen, einem ziemlich verschlafenen Nest. Ein Typ, der in meiner Straße wohnte, hat mein Interesse an Bands wie Budgie, Uriah Heep, Pink Floyd und Led Zeppelin geweckt. Wobei ich das meiste davon erst gar nicht so toll fand. Ich stand eher auf Glam-Rock – auf Bowie und T. Rex. Deshalb hat es ein bisschen gedauert, ehe ich mich wirklich dafür begeistern konnte.

Aber: Wenn man einmal anfängt, Jimmy Page kopieren zu wollen, gibt es kein Zurück – dann ist ein bestimmter Weg vorgezeichnet. Wobei meine persönlichen Lieblingsgitarristen David Byrne und Paul Weller sind. Ich mag jeden, der einen offenen Akkord anschlägt und ihn regelrecht zum Singen bringt. Das ist unglaublich. Und genau das hat mich zum regelrechten Beatles-Jünger gemacht. Ich habe die Gitarrenarbeit von John Lennon und George Harrison geliebt.

Dagegen ist das Interessante an meiner eigenen Band, also an Tears For Fears: Je selbstbewusster und sicherer wir über die Jahre geworden sind, desto mehr Gitarren haben wir eingesetzt, um uns auszudrücken. Sie sind über die Jahre also immer mehr in den Vordergrund gerückt – die Synthesizer dagegen in den Hintergrund. Ich schätze, am deutlichsten wurde das beim ‚Seeds Of Love’-Album, als wir mehr Gitarren-Soli eingebaut haben, denn je zuvor. Wir hatten tolle Gitarristen im Studio – und sind selbst zu richtigen Musikern geworden. Heute sind wir viel anspruchsvoller und versierter als zu Beginn unserer Karriere.

Was war deine erste Gitarre? Erinnerst du dich noch?

Anfangs hatte ich ein paar Teile, die so übel waren, dass es mir peinlich wäre, sie hier zu erwähnen – zumal ich sie ziemlich schnell wieder losgeworden bin. Meine erste richtige Gitarre war dieses Fender-Modell namens „The STRAT” aus Walnussholz. Das wurde zwischen 1980 und 1983 gebaut – eine Art Deluxe-Version der Fender Stratocaster. Das Besondere daran waren neun verschiedene Pickup-Kombinationen, vergoldete Hardware und eine ziemlich ungewöhnliche Bridge.

Dabei habe ich sie mir vor allem zugelegt, weil sie cool aussah – und ich habe sie auf etlichen Stücken aus unserer Anfangsphase verwendet; u.a. auf ‚Everybody Wants To Rule The World’. Ich habe sie durch einen Boss-Kompressor in einen Roland JC-120 gespielt. Und ich habe sie immer noch – auch, wenn sie längst nicht mehr meine Hauptgitarre ist. Ich bewahre sie eher aus sentimentalen Gründen auf.

Schließlich ist das Riff zu ‚Everybody Wants To Rule The World’ allein dadurch entstanden, dass ich meine E-Saite auf D heruntergestimmt habe. Einfach so – ohne groß darüber nachzudenken oder damit irgendein Ziel zu verfolgen. Es war eine Spielerei. Und zunächst war ich davon nicht sonderlich beeindruckt. Es hatte bei weitem nicht die Tiefe des übrigen Materials, an dem wir damals gearbeitet haben. Aber meine Ex-Frau, Caroline, mochte es – also habe ich das ausgearbeitet.

Wenn die Strat nicht mehr deine Hauptgitarre ist: Was spielst du heute?

Eine Gibson ES-330. Das ist meine Standard-Gitarre, die ich im Grunde für alles verwende. Es ist das Gibson-Gegenstück zur Lennon Epiphone Casino – sprich: sie hat einen großartigen Sound. Einfach betörend. Mein Live-Backup ist eine Trini Lopez Standard Custom Reissue mit Bigsby und ohne Pickup-Kappen.

Wie umfangreich ist deine Gitarren-Sammlung?

Es sind etwa 50. Also nicht wahnsinnig viel, aber doch eine ganze Menge. Auf Tour habe ich allerdings nur fünf oder sechs dabei – das reicht vollkommen.

Apropos Tour: Mit ‚Tipping Point’ von 2022 seid ihr gleich zwei Mal durch die USA getourt – in Deutschland habt ihr dagegen nur ein einziges Konzert in Hamburg gespielt. Warum macht ihr euch hierzulande so rar?

Zwei Faktoren: Finanziell ist es hart zu stemmen – zeitlich ebenfalls. Wir müssen halt ein paar Monate in Amerika und dann noch ein paar Wochen in England spielen, weil das unsere wichtigsten Märkte sind. Nur: Das reicht dann auch. Wir haben nicht vor, ein ganzes Jahr unterwegs zu sein. Dafür mögen wir unsere Familien einfach zu sehr.

Und wenn man uns die Frage stellt, ob wir uns vorstellen könnten, noch ein paar kleinere Shows in Kontinental-Europa dranzuhängen, lautet die Antwort halt: „Sorry, aber wir haben Besseres zu tun.” Das mag hart klingen, ist aber die Realität.

Gigantische Bühnenshow: Tears For Fears live (Bild: Rich Fury MSG Entertainment)

Dabei habt ihr mittlerweile eine gigantische Bühnenshow, die von der Optik her an Pink Floyd erinnert? Zufall oder gewollt?

Das ist definitiv kein Zufall. Wir verfahren eher nach dem Motto: Wenn man schon klaut, dann von den besten. Und wir haben diesen Bildschirm, der an ein Auge erinnert, tatsächlich von ihnen übernommen – es ist der Original-Floyd-Backdrop, auf dem sie ihre Animationen und Bilderfluten präsentiert haben. Wir haben ihn quasi aus der Konkurs-Masse der Band gekauft, weil da keine Verwendung mehr bestand. Zum ersten Mal zum Einsatz kam er 2023, als wir in der Hollywood Bowl in Los Angeles gespielt haben. Da hat die Bühne so eine gebogene Form, dass das Ganze wirklich wie die Iris eines Auges aussah. Ein unglaublicher Effekt.

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2025)

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