Alte Schule

Test: Richwood P-50 & P-65-VA

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(Bild: Dieter Stork)

OK, da kommt also dieser Hersteller mit zwei handgefertigten Parlor-Gitarren aus der Master Series daher, die dann im Laden für vier Hunderter den Besitzer wechseln. Skepsis und Neugier sind geweckt.

Ja, wie meisterlich können denn Gitarren dieser Preisliga gefertigt sein? Andererseits liegt die Messlatte beim Preis/ Leistungs-Verhältnis heutzutage eben nun mal enorm hoch. Da müssen die Hersteller schon ordentlich abliefern.

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Die Parlor-Gitarre stammt aus dem späten 19. Jahrhundert – sie diente den Damen der feinen Gesellschaft genauso wie den Hobos während der großen Depression, den Delta-Bluesern der 30/40er-Jahre oder den Folk-Sängern der 60er … und die Popularität dieser handlichen Instrumente ist im Grunde bis heute ungebrochen. Schauen wir uns die beiden „Kleinen“ mal genauer an.

KONSTRUKTION

Es ist wohl das kompakteste klassische Gitarrenformat, das bis heute Bestand hat. Kleiner Korpus, kurze Mensur, Halsansatz am 12. Bund – die Gesamtlänge der beiden Richwood beträgt gerade mal einen Meter. Zwei althergebrachte, bewährte Holz-Rezepturen stehen sich hier gegenüber.

P-50 (Bild: Dieter Stork)

Die P-50 hat einen Korpus, der gänzlich aus Mahagoni konstruiert ist (Decke massiv, Zargen/Boden laminiert). Durch den Verzicht auf Bindings oder Purflings an den Korpuskanten entsteht eine schlichte, spartanische, aber wertige Anmutung. Auch ein Schlagbrett ist nicht vorhanden und die Schalllochumrandung ist einfach gehalten. Ein stimmiger Look.

Etwas eigene Wege geht Richwood beim Steg aus indischem Palisander, der um einiges massiver und geschwungener daherkommt als die Stege der alten Vorbilder. Das schmälert zwar etwas den Retro-Faktor, hat aber mit Sicherheit seine klanglichen Vorteile, da hier ordentlich Übertragungsfläche zwischen Saitenschwingung und Decke vorhanden ist.

Der Hals ist wie schon erwähnt am 12. Bund angesetzt und ebenfalls aus Mahagoni. Oben aufgelegt ist ein recht dickes Palisandergriffbrett mit 14-Zoll-Wölbung. Es beherbergt 18 perfekt eingesetzte, kräftige Bünde mit wunderbarer Verrundung an den Kanten. So klein die Richwood auch sein mag, der Hals – und somit die Spielbedingungen – sind durchaus für Erwachsene. Das kräftige C-Profil und die satten 46,5 mm Griffbrettbreite am Sattel geben Raum auch für große Hände. Und auch die gut 57 mm Saitenabstand (E1-E6) am Steg sind ein ausgewachsener Wert – das befördert beherztes Fingerpicking. Die Saiten liegen bei einer Mensur von 628 mm auf Stegeinlage und Sattel aus echtem Knochen, beides sehr sauber gefeilt. Ganz stilecht dann auch die Fensterkopfplatte. Sie ist am Übergang rückseitig gut verstärkt und mit offenen verchromten Derjung-Deluxe-Mechaniken bestückt.

Die P-50 ist komplett matt versiegelt, Verarbeitungsmängel lassen sich nicht auffinden. Die werksseitige Einstellung von Saitenlage (Trussrod-Zugang am Griffbrettende im Schallloch) und Intonation ist tadellos.

P-65-VA (Bild: Dieter Stork)

Das Schwestermodell P-65-VA ist sprichwörtlich „aus anderem Holz geschnitzt“. Sie sieht – abgesehen vom erwähnten Steg – wirklich so aus, wie man sich eine alte Steelstring aus Nazareth, Pennsylvania vorstellt: Eine massive Decke aus feingemaserter A-Sitka-Fichte, Seiten und Boden aus Palisander, elfenbeinfarbenes Binding, Deckeneinfassung im Herringbone-Style (Fischgrätenmuster). Im Grunde DER Westerngitarren-Look schlechthin. Und das sehr sauber gearbeitet, wie bei einer Acoustic, die viel mehr kostet. Natürlich ist bei dieser Variante der Body mit Hochglanzlack versiegelt, der Hals wurde matt belassen.

Zwei interessante Fakten noch: Den Gitarren liegt außer dem Stellschlüssel für den Halsstab auch noch eine Ersatz-Stegeinlage aus Knochen sowie ein Unterlegplättchen aus Holz bei. Und … die P-50 gibt es wahlweise auch mit Fishman Isys+-Pickup-System.

PRAXIS

Die beiden Master-Series-Modelle liegen wie selbstverständlich auf dem Schoß. Die linke Hand hat es nicht weit bis zu den unteren Lagen, und trifft dann auf diese großzügigen Spielbedingungen auf dem breiten Griffbrett. Fingerstyler werden sich hier sofort wie zu Hause fühlen. Der Hals liegt wunderbar in der Hand und lässt sich sahnemäßig spielen. Solo-Ausflüge wie auf einer 14-Bund-Gitarre mit Cutaway sind hier natürlich nicht möglich. Die Richwoods unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern natürlich auch klanglich. Gleich vorweg sei gesagt: beide Charaktere sind toll, beide Gitarren klingen sehr gut. Was man da bevorzugt, ist (Fünfer ins Phrasenschwein) reine Geschmackssache. Das Mahagoni-Modell wirkt etwas milder im Antritt, hat eine holzige, trockene Note. Durchaus frische Höhen, modellbedingt gut ausgeprägte Mitten und rundliche, eher weiche Bässe prägen das stimmige Klangbild. Dynamik und Sustain sind sehr gut ausgeprägt.

Das Schwestermodell gibt die klarere Kante, kommt präzise und offensiv aus den Startlöchern. Verbindlich knackige Bässe, angriffslustige Mitten und glockenklare Höhen ergeben ein Klangbild mit großer Durchsetzungskraft, beeindruckender Lautstärke und einer „Größe“, die man diesem Knirps nicht zugetraut hätte. Das ist beeindruckend – die P-65-VA steht in Sachen Klangvolumen meiner Triple-0 und selbst meiner wirklich nicht schlechten Dreadnought kaum nach. Da hat der Begriff Master Series doch seine Berechtigung, und der Preis erstaunt umso mehr.

RESÜMEE

Hier möchte man einfach nur ganz dringend ein Antesten dieser Richwood-Master-Series-Handmade-Modelle empfehlen. Das Verhältnis zwischen Größe, Klang und Preis ist wirklich erstaunlich. Richwood – ich glaube, den Namen sollte man sich merken.

PLUS

  • klassische Designs
  • Hölzer und Hardware
  • Lackierung, Verarbeitung
  • Bespielbarkeit und Handling
  • charakterstarke eigene Sounds
  • Preis/Größe/Klang-Verhältnis

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2020)

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